Nicht gleich aufgeben

Ich bin in einem Haushalt mit vielen Büchern aufgewachsen. In unserer Familie wurde viel gelesen. Jeden Samstag ging die ganze Familie in die Bibliothek. Wir haben die Bücher packweise ausgeliehen. Dieser Gang in die Bibliothek, das war ein grossartiges Gefühl: Die Vorfreude auf die Geschichten, die mich und uns erwarteten. Ich liebte Geschichten, gut erzählte Geschichten. Und das tue ich noch heute.

Jeden Tag von Büchern umgeben zu sein, ist mir eine riesige Freude. Es ist schon so, dass der Umsatz in den Buchhandlungen seit 5-8 Jahren zurückgeht. Das Weihnachtsgeschäft läuft aber immer noch gut.

Ich bin in den Buchhandel eingestiegen als sich der Einbruch dieser Branche schon abgezeichnet hat. Deshalb kann ich auch nicht vollständig beurteilen, ob und wie lange sich der Buchhandel noch halten kann. Unsere Kundschaft ist ab 30 Jahren aufwärts. Es fehlen die Fünfzehn- bis Dreissigjährigen. Diese sind schon ganz anders aufgewachsen, haben enorm viele Möglichkeiten sich zu informieren und sich zu unterhalten. Sie sind viel weniger eingeschworden auf das Buch als meine Generation. Ein Klick, und alles kann im Netz runtergeladen oder über Nacht bestellt werden. Und das ist auch ganz in Ordnung so. Ich muss, wenn ich bestelle, keine Menschen sehen und ich erhalte das Buch vielleicht sogar günstiger als im Buchladen. Nach zwei Tagen liegt es in meinem Postkasten.

Das war aber schon so, als ich nach einer biografischen Krise vor 7 Jahren beschlossen habe meinen Beruf als Heilpädagogin aufzugeben. 14 Jahre lang hatte ich ihn ausgeübt. Plötzlich  fragte ich mich: « Was will ich eigentlich? Was kann ich überhaupt? Ja gut, ich kann lesen.» Ich habe dann eine 3-jährige Ausbildung als Quereinsteigerin absolviert, habe mit meiner Mentorin den Lehrlingsordner durchgearbeitet und am freien Tag der Woche bin ich nach Zürich gefahren und habe den Kurs des Schweizer Buchhändler- und Verleger Verbandes, SBVV besucht. Zum Glück konnte ich das zum Quereinsteigerlohn machen. 3000.- Franken betrug er damals für Ungelernte. Der Lohn der Buchhändlerinnen ist erst kürzlich auf 4000.- angehoben worden. Wir arbeiten in einem klassischen Tieflohnbereich. Aber ich habe durch diesen Wechsel extrem viel Neues dazugelernt. Das Buch selbst ist ja etwas Geistiges, eine Erfindung der Menschheit. Der Handel aber, der ist ganz sachlich. Das habe ich nach alle den Jahren im sozialen Bereich als sehr wohltuend empfunden. In der Heilpädagogik sind die Resultate der Arbeit oftmals unsichtbar. Die Menschen sind teilautonom, die Prozesse, die man mit ihnen versucht zu durchlaufen, sind nicht einfach und im Team konnte es auch furchtbar anstrengend sein. Hinzu kam die ganze Bürokratie.

Jetzt fühlt sich mein Berufsalltag ganz anders an. Die Arbeit erfüllt mich. Ich gehe darin auf. Ich vergesse die Zeit, fühle mich wohl. Ich kann mich in etwas vertiefen, bspw.in das Bestellwesen. Ich mache das gerne. Der Beruf ist ein Teil meines Wesens, eine Berufung. Wenn ich ihn nicht hätte, wäre da richtiggehend eine Leere.

Zweimal im Jahr kommen bspw. die Neuerscheinungen. Das ist ein ganz besonders spannender Moment. Es gibt immer wieder ausgezeichnet gemachte Bücher: Thema, Text, Bilder, Einband: alles stimmt und geht Hand in Hand. Ferner der Kontakt zur Kundschaft. Mit manchen kann man eine Beziehung aufbauen. Diese ist ganz speziell. Man weiss, was sie in Büchern suchen und wenn man ihnen eine Neuerscheinung empfehlen kann, die ihnen gefällt, dann ist das ein ganz wunderbares Glücksgefühl. Für die Kundin, aber auch für mich. Es gibt natürlich auch Kunden, die kaufen eine Postkarte und achten gar nicht weiter auf das Angebot im Laden. Auch das darf man nicht unterschätzen. Irgendwann kommen sie und kaufen doch ein Buch. Wieder andere treten in den Laden, verlangen einen bestimmten Titel und gehen gleich wieder. Dennoch sind sie wichtig, vielleicht erzählen sie andern von unserem Geschäft. Schliesslich jene, die ganz bewusst kommen und bei uns bestellen, weil sie wollen, dass der Buchladen weiterhin bestehen bleibt. Sie empfinden ihn als Teil unserer Kultur. Natürlich gibt es auch solche, die rasch über die Grenze gehen und das Buch dort günstiger kaufen. Ganz wenige versuchen bei uns den Preis zu drücken. Aber das passiert selten.

Als ich mich für diesen Beruf entschieden habe, war diese Entwicklung schon im Gang und ich denke schon, dass ich vielleicht nicht bis zur Pensionierung in diesem Beruf bleiben kann und unter Umständen nochmals wechseln muss. Aber ich kann und will das Ende nicht immer präsent halten. Dass Amazon gross geworden ist, das spürt man natürlich schon. Kleine Buchläden gehen ein. Und all jene, die nicht innovativ sind, ebenfalls. Viele haben begonnen ihren Webshop auszubauen. Das ist unumgänglich. Man muss sich einiges einfallen lassen. Manche Buchhandlungen laden bspw. zu Lesungen ein. Im Bücherladen Appenzell kann man sich über Nacht einschliessen lassen: Eine Nacht verbringen, ganz umgeben von Büchern, das ist ein Traum, den viele haben. Ich denke aber auch, dass die Verleger, die Auslieferung und die Buchhändler noch vermehrt zusammenarbeiten könnten. Dieses Bewusstsein ist noch nicht ausreichend entwickelt.

Ich habe mich für den Beruf der Buchhändlerin entschieden, weil ich das Buch liebe. Das war vielleicht etwas naiv oder sogar ignorant. Ich habe einfach die Krise ignoriert. Aber ich möchte unbedingt, dass auch unsere Tochter dieses verrückt schöne Gefühl erleben kann, das ein Buch bietet, wenn man es nachhause trägt und sich Seite für Seite eine Geschichte vor einem auftut, die man vorher nicht gekannt hat. Die Buchhandlung ist der Ort, wo dies alles beginnt. Ein Erlebnisort.