Vom Kampf für die 48-Stunden-Woche zur Arbeitswelt 4.0

Die industrielle Revolution, welche die Schweiz im 19. Jahrhundert erfasste, führte zu einer neuen Deutung des Begriffs «Arbeit». Das Bürgertum stellte die Arbeit ins Zentrum des Lebens eines Mannes. Fleiss, Pflicht, Selbstverantwortung, Reichtum und Wertschätzung wurden damit verbunden. Frauen war die Rolle der Nicht-Erwerbsarbeit zugedacht, was den Wohlstand der Bürgerfamilie symbolisierte.

Das Glücksversprechen auf Erfolg durch Arbeit bewahrheitete sich nicht für die Arbeiterschaft, welche sich nach und nach als Klasse begriff und sich zu organisieren begann, zum Beispiel im Schweizerischen Gewerkschaftsbund (gegründet 1880). Arbeiterinnen und Arbeiter kämpften um 1900 für bessere Löhne, tiefere Arbeitszeiten und bessere Arbeitsbedingungen. Dieser Kampf spitzte sich während des Ersten Weltkriegs zu und gipfelte im Landesstreik vom November 1918. Auch wenn die Arbeiterschaft diese Kraftprobe verlor und der Streik mit einer bedingungslosen Kapitulation endete, errang sie einen wichtigen Sieg: Die massive Verkürzung der Arbeitszeit auf 48-Stunden pro Woche, beschlossen 1919, eingeführt im Jahr 1920. Zudem veränderte sich die Beziehung zwischen Arbeitnehmenden und Arbeitgebern grundlegend. Arbeitgeber waren zu Abkommen bereit und die Gewerkschaften wurden von den Bundesbehörden in Entscheidungsprozesse mit eingebunden. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg wurden Gesamtarbeitsverträge geschlossen. 1948 wurde mit der AHV die bedeutendste Sozialversicherung eingeführt und somit eine weitere Landesstreikforderung erfüllt. In den kommenden Jahren wurden die Sozialversicherungen ausgebaut.

Mit der Digitalisierung und der Industrie 4.0 hinterfragt unsere Gesellschaft zunehmend das bürgerlich geprägte Arbeitskonzept. Dies wird deutlich an Diskussionen wie der Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Personalmangel, Leistungsdruck, Burn Out oder Teilzeitarbeit. Am 14. Juni 2019 forderten eine halbe Million Frauen die Umsetzung der seit 1981 in der Bundesverfassung festgeschriebenen Lohngleichheit, sie prangerten die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit an und demonstrierten für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Diese aktuellen Diskussionen und Kämpfe verdeutlichen, dass die Schweiz dabei ist, «Arbeit» neu zu denken.