Frau Prof. Dr. Barbara. Prainsack ist Professorin für Vergleichende Politikfeldanalyse am Institut für Politikwissenschaft der Universität in Wien. Sie ist Mitglied der Ethikkommission an der Universität Wien, Mitglied der Österreichischen Bioethikkommission, und der Europäischen Gruppe für Ethik der Naturwissenschaften und der Neuen Technologien (dem Beratungsgremium der Europäischen Kommission).

Verschiebungen 18/18: Im ersten und einzigen landesweiten Streik der Schweizer Geschichte im November 1918 gingen 250 000 organisierte Arbeiter*innen auf die Strasse. Sie forderten u.a. die Senkung der Wochenarbeitszeit von 59 Stunden auf 48 Stunden. Weiter forderten sie -zusammengefasst – mehr soziale Sicherheit, eine Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit und Beteiligung an der politischen Macht.

Zwar wurde der Streik nach wenigen Tagen bedingungslos abgebrochen. Die wichtigsten Ziele aber wurden im Laufe des letzten Jahrhunderts nach und nach verwirklicht.

Wir befinden uns auch heute in einem Umbruch, der u.a. mit Veränderungen der Arbeitswelt einhergeht. Welches sind die wichtigsten Einflussfaktoren, die diesen Wandel bewirken?

Dr. Prof. Barbara Prainsack: Als Hauptursachen werden gemeinhin Globalisierung, demographische Entwicklungen – Stichwort alternde Gesellschaften – und technologischer Fortschritt gesehen. Hier spielen insbesondere die Digitalisierung und Automatisierung eine Rolle. Es ist aber wichtig, anzumerken, dass das Problem nicht die Roboter sind, die uns «die Jobs stehlen». An der Tatsache, dass Menschen von ihrer Arbeit nicht leben können, sind nicht Maschinen schuld. Die Ursache dafür ist eine Politik, die es möglich gemacht hat, dass soziale Ungleichheiten innerhalb unserer Gesellschaft wachsen, dass Löhne nicht mit den Produktivitätszuwächsen mithalten, und dass Kapital weit größere Einkünfte schafft als Arbeit.

Zudem müssen wir uns vor Augen halten, dass die Rolle der Arbeit in unserer Gesellschaft sich ständig im Wandel befindet; dies ist kein Novum unseres Jahrhunderts. Auch den Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen hat es in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder gegeben. Wenn in Europa die Arbeit knapp wurde sind Menschen früher ausgewandert – häufig in die so genannte Neue Welt. Diese Möglichkeit besteht heute nicht mehr – und ironischerweise gehen wir heute in Europa mit Menschen, die auf der Suche nach Arbeit und einer besseren Existenz sind und daher zu uns kommen wollen, besonders hart um; als ob das nicht auch Teil unserer eigenen Geschichte wäre. Manche Kommentator*innen sehen einen Grund dafür darin, dass Menschen in Europa selbst Angst vor dem Verlust ihrer Existenzgrundlage haben. Das muss von der Politik ernst genommen werden. Die Lösung kann jedoch nicht darin bestehen, «Wirtschaftsmigration» zu dämonisieren, sondern wir brauchen eine Reform unserer politischen und sozialen Institutionen, die bewirkt, dass niemand die Existenzgrundlage verliert, wenn er oder sie von ihrer Arbeit nicht leben kann (bzw. keine bezahlte Arbeit findet).

Verschiebungen 18/18: Welche Berufsgruppen sind am stärksten betroffen? Welche Leistungen werden mittelfristig oder auf längere Sicht in der Gesellschaft stärker nachgefragt werden und womöglich neue Berufe hervorbringen?

Dr. Prof. Barbara Prainsack: Wir gehen davon aus, dass Tätigkeiten, die immer nach demselben Muster ablaufen am einfachsten zu automatisieren sind. Das widerspricht der landläufigen Meinung, dass manuelle Berufe am stärksten vom Verschwinden bedroht sind. Es gibt tatsächlich manuelle Berufe, in denen hauptsächlich vorhersehbare, routinemäßige Tätigkeiten verrichtet werden, wie z.B. manche Formen der Fließbandarbeit. Gleichzeitig gibt es jedoch andere stark von manuellen Tätigkeiten dominierte Berufe, die nicht leicht zu automatisieren sind, weil sie aus vielen unterschiedlichen Tätigkeiten besteht die ineinandergreifen und deren genauer Ablauf oft nicht vorhersehbar ist. Ein Beispiel dafür ist die Pflege, aber auch die Reinigungsarbeit. In Berufen, in denen die geistige Arbeit dominiert, sehen wir eine ähnliche Diversität: Jurist*innen und Radiolog*innen etwa prophezeit man, dass ein Großteil ihrer bisherigen Tätigkeiten zukünftig von Maschinen verrichtet werden. Leute, die kreative Berufe ausüben müssen sich den Vorhersagen nach weniger vor der Automatisierung fürchten.

Ich persönlich glaube, dass nur wenige Berufe vollkommen verschwinden werden, sondern dass viele Berufe eine Umgestaltung erfahren – so wie das auch bisher in vielen Berufsgruppen der Fall war – man denke an Buchhalter*innen oder Bankangestellte. Radiolog*innen werden zukünftig weniger Zeit damit verbringen, Diagnosen zu stellen, und mehr Zeit mit der Begleitung von Therapie durch bildgebende Verfahren. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass Automatisierung und Digitalisierung auch völlig neue Jobs schaffen. Wo mehr Maschinen im Einsatz sind, braucht es Menschen zur Kontrolle, Korrektur, zur Wartung, und zur Weiterentwicklung. Man denke aber auch an Zustelldienste, die in der so genannten Gig-Ökonomie florieren, an App-Entwickler, oder auch an «Influencer» auf sozialen Medien. Manche dieser Berufe gab es vor zehn Jahren noch gar nicht. Ob diese Entwicklung eine ist, die wir als Gesellschaft gut heißen, und wie Menschen in solchen Berufen behandelt und abgesichert sind, steht auf einem anderen Blatt. Was wir dringend brauchen, ist eine Neubewertung der Frage, welche Berufe und Tätigkeiten für unsere Gesellschaft wertvoll sind. Und dann müssen wir sicherstellen, dass Menschen, die diese Tätigkeiten ausführen, gut leben können. Im derzeitigen System verdienen oft jene, die für die Gesellschaft wenig Wert schöpfen – man denke an Makler oder Investment-Banker – am meisten, und jene, die extrem wertvolle Tätigkeiten verrichten, wie Altenpfleger*innen oder Lehrer*innen, verdienen wenig oder im Extremfall gar nichts. Hier braucht es ein Umdenken, und es braucht auch neue Institutionen und Instrumentarien.

Dr. Prof. Barbara Prainsack

Verschiebungen 18/18: Müsste Arbeit bereits heute anders verstanden werden?

Dr. Prof. Barbara Prainsack: Wir müssen auf alle Fälle jene Arbeit, die für unsere Gesellschaft sehr wertvoll ist und die in volkswirtschaftlichen Kalkulationen heute oft unsichtbar ist, sichtbar machen, wie etwa die häusliche Pflege. «Arbeit» schließt mehr ein als nur lohnabhängige oder selbstständige Erwerbsarbeit. Wenn wir beim derzeitigen engen Arbeitsbegriff bleiben ist ein erheblicher Teil der Arbeit, die Menschen in unserer Gesellschaft verrichten, unsichtbar.

Verschiebungen 18/18: Wie kann oder müsste die Bildungswelt auf diese Situation reagieren? Welche Fähigkeiten müssten gefördert werden, um auf die Herausforderungen angemessen reagieren zu können?

Dr. Prof. Barbara Prainsack: Hier gibt es verschiedene Ansätze, je nachdem, von welchen Annahmen man ausgeht. Der erste Ansatz besagt, dass Kinder bereits von klein auf digitale Fähigkeiten lernen müssen. Ein anderer Zugang besagt, dass wir gerade jene Fähigkeiten vermehrt vermitteln müssen, die uns Menschen eigen sind, und die nicht von Maschinen ersetzt werden können. Dazu gehören Kreativität, verantwortungsvollen Umgang mit einander und mit der Natur, oder kritisches Denken. Manche Menschen gehen auch davon aus, dass in einer Zeit, in der Computer immer «anthropomorpher» werden, also immer stärker Menschen ähneln, Computer-Skills immer weniger gebraucht werden. Wenn man davon ausgeht, dass wir mit Computern in Zukunft über Sprache und Gestik kommunizieren, dann brauchen unsere Kinder keine «Computersprachen» lernen. Dann haben Computer unsere Sprache gelernt. Eine wichtige Frage, die meiner Ansicht nach zu wenig gestellt wird, ist eine politische: in den letzten Jahrzehnten gab es eine stille «Abmachung», dass der Staat Menschen für den Arbeitsmarkt ausbildet und die Unternehmen Menschen soviel bezahlen, dass sie ein würdevolles Leben führen können. Wenn letzteres nun wegfällt, weil immer mehr Menschen trotz ihrer Arbeit nicht mehr genug Geld zum Leben haben, und menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt wird, was passiert dann mit der Verpflichtung des Staates, Menschen auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten? Vielleicht muss sich die Bildungspolitik auch umorientieren; vielleicht müssen wir Menschen darauf vorbereiten, sich sinnvoll zu beschäftigen und zur Gesellschaft etwas beizutragen ohne in formale Beschäftigungsverhältnisse eingebunden zu sein. Hier spielt natürlich auch die Debatte über ein Bedingungsloses Grundeinkommen mit hinein.

Verschiebungen 18/18: Während des Landesstreiks legte eine Viertelmillion Arbeitnehmende die Arbeit nieder. Das in einer Zeit, als die Schweiz etwa knapp 4 Mio Einwohner*innen zählte. Welche Umstände oder sich bereits abzeichnenden Verhältnisse müssten uns heute in vergleichbarem Masse mobilisieren?

Dr. Prof. Barbara Prainsack: Arbeitende Menschen müssten zuallererst wieder organisiert sein und sich als Kollektiv verstehen. Ein Teil der neoliberalen Hegemonie besteht darin, Menschen das Gefühl zu geben, sie seien individuell für Erfolg und Misserfolg, Reichtum oder Armut, verantwortlich. Das ist nicht nur moralisch problematisch, sondern auch empirisch Unsinn. Der wichtigste Faktor zur Vorhersage von Armut sind nicht die Fähigkeiten einer Person, oder in welche Familie sie hineingeboren wurde. Der größte Prädiktor für Armut ist das Land, in dem jemand lebt. Der wichtigste Faktor ist, ob man in einer Gesellschaft lebt, die kollektiv Verantwortung dafür übernimmt, dass niemand ein menschenunwürdiges Leben führen muss. Und das schließt jene mit ein, deren Lebensstil wir vielleicht nicht gut heißen oder die sonst irgendwie anders sind. Wer Solidarität nur mit jenen üben will, die genau so sind wie er oder sie selbst, höhlt damit die Idee der Solidarität aus.

Das Interview wurde schriftlich geführt.