Arbeit gibt eine Tagesstruktur

Natürlich ist es schön, wenn ein neuverlegter Boden den Eigentümern gefällt und sie Dich für die saubere Arbeit rühmen. Manchmal mussten wir uns zwar auch anhören, dass andere die Arbeit günstiger ausführen. Das ist überhaupt der grösste Unterschied zu meiner heutigen Arbeit. Früher sagte mir der Chef: «Mach diese Arbeit. Du hast dafür so und soviel Zeit.» Und wenn man länger brauchte, war das natürlich nicht gut.

Ich habe immer in kleinen Betrieben, in Familienbetrieben gearbeitet, das ist sehr schön, man ist in der Familie. So auch an meiner letzten Stelle: Ich arbeitete bei einem Schreiner, der sich erst seit kurzem selbstständig gemacht hatte. Aber es ist schwierig ausreichend Aufträge zu beschaffen. Die Konkurrenz ist gross. Es gebe zwar nicht viele gute Handwerker, wurde mir immer wieder gesagt. Wir waren zwei Angestellte und als sich der Erfolg nach zwei Jahren nicht im erwarteten Mass einstellen wollte, wurden wir entlassen. Mein Chef hat das aber sehr fair gemacht. Wir hatten Verträge und die wurden dann einfach gekündigt. Natürlich hatte ich diesen Wechsel nicht gesucht. Heute bin ich froh, dass es so gekommen ist.

Den Beruf als Innendekorateur und Bodenleger habe ich eher zufällig gefunden. Ich habe nach der Schule eine Lehre als Pfleger im Spital angefangen, aber das gefiel mir nicht. Also gab ich wieder auf. Dann wusste ich nicht, was ich machen sollte. Meine Karriere ist nie geradlinig verlaufen. Das lehrt Dich mit Wechseln umzugehen.

Arbeitslos zu sein ist aber trotzdem stressig. Ich hatte nichts gespart. Das Arbeitslosengeld hat gerade so gereicht. Ich kann mit wenig leben. Das macht es einfacher. Ich habe mich beworben, mich umgeschaut. Nicht zu arbeiten ist dennoch kein gutes Gefühl. Aber ich wusste, dass ich in einer vernünftigen Zeit wieder etwas finde würde. Das war ja dann auch so. Dass gleichzeitig eine langjährige Beziehung auseinanderging, hatte nicht ausschliesslich mit der Arbeitslosigkeit zu tun. Es kam erschwerend dazu. Aber ich war überzeugt, dass ich etwas Gutes finden würde. Ich wusste, ich kann sehr vieles machen, ich muss nicht stur etwas bestimmtes suchen. Ich wollte wechseln, nicht mehr auf dem Bau arbeiten. Aber was es sein könnte, wusste ich nicht. Klar war es nach einem Monat weniger schwer zuversichtlich zu sein, als nach 6 Monaten. Arbeit gibt eine Tagesstruktur und garantiert einen sozialen Austausch. Du wirst gefragt für etwas. Man will etwas von Dir. Man kann sich einbringen. Arbeit bringt Wertschätzung. Wenn die Arbeit wegfällt, fällt das alles weg. Kollegen und Freunde haben eine Tagesstruktur. Du selbst nicht. Man kann sich nicht immer über die Arbeitslosigkeit austauschen, dass man zu wenig Geld hat usw. Das ist einmal erzählt und dann muss Schluss sein damit.

Dass man auf sich selber zurückgeworfen ist, finde ich eher gut. Ich muss dann schauen, was kann ich tun, was tue ich gerne. Man muss offen sein für Neues, sagen, dass man eine Arbeit sucht, sich nicht schämen für die Arbeitslosigkeit. Vertrauen haben. Leute fragen, was sie arbeiten, interessiert sein. Vitamin B (wie Beziehung) kann nie schaden. Ich bin auch stempeln gegangen. Mit der Regionalen Arbeitsvermittlung war es unproblematisch, z.B. habe ich gelernt, wie man eine saubere Bewerbung macht. Das ist wichtig. Du musst als Person fassbar werden, «authentisch» rüberkommen. In der Zeit als ich arbeitslos war, habe einfach meine Hobbies aktiviert,  Theater gespielt und mich voll da hineinbegeben. Nur kann man davon nicht leben. Aber ich habe Leute getroffen und wieder viel Neues gelernt, das hat mein Selbstbewusstsein gestärkt, was mir dann wiederum bei den Bewerbungsgesprächen zugutegekommen ist.

In meiner letzten Stelle musste ich auf einer Baustelle produzieren. Ich war eine Arbeitskraft. In meiner jetzigen Stelle bin ich als Person gefragt, bestimme individuell, wie ich arbeite. Ich arbeite als Betreuer mit mehrfach behinderten Menschen und muss schauen, dass es ihnen gutgeht. Die menschlichen Höhen und Tiefen sind jetzt mein Alltag. Ich habe es mit sehr interessanten Personen zu tun, auch im Team. Ziel ist es, dass die Menschen, die wir betreuen, soweit selbstbestimmt leben können wie es möglich ist, obschon sie nicht wirklich in der Lage sind selbst zu entscheiden. Wenn ich gestresst bin, nehmen sie das sofort wahr und reagieren darauf. In der sozialen Arbeit kommuniziert man sehr viel, beredet vieles. Man belächelt das zwar ausserhalb, aber es ist sehr wichtig, Situationen mit den anderen Teammitgliedern zu reflektieren. Dabei geht es nicht um richtig oder falsch. Es kommt darauf an, dass man Emotionen analysieren kann. Wenn die Situation eskaliert und wenn jemand laut wird, dann bin ich gefordert. Sie kann das nicht reflektieren. Ich bin es, der sie nicht richtig «gelesen» hat. Dann hilft es sehr mit anderen darüber nachzudenken.

Ich habe, seit ich die Stelle vor einem Jahr erhalten habe, auch schon einige Weiterbildungen besucht. Das ist interessant und ich lerne viel. In diesem Beruf ist Erfahrung wichtig. Ich verdiene jetzt weniger als vorher, aber ich bin sehr viel zufriedener als in meinem vorherigen Beruf. Das heisst, ich verdiene gleichviel, aber ich arbeite nicht voll. So bleibt Zeit für anderes, für meine Hobbies zum Beispiel und ich kann mich erholen. Mein Lohn nimmt mit der Erfahrung schön immer mehr zu. Das ist als Bodenleger nie so gewesen. Im Gegenteil, es gab immer wieder einen Spardruck, den wir eins zu eins zu spüren bekamen. Mir tut jetzt auch nicht mehr alles weh nach einem Arbeitstag. Das ist mir früher gar nicht aufgefallen. Aber die körperliche Abnützung war hoch. Immer auf den Knien arbeiten, das spürst Du am Abend. Karriere kann ich im Beruf als Betreuer nicht machen, aber ich kann vielleicht in 10 Jahren mal eine einfachere Gruppe übernehmen, mit Menschen arbeiten, die etwas selbstständiger sind. Meine Mutter hat auch mit behinderten Menschen gearbeitet, sie war auch ungelernt. Es ist eigenartig, wie sich ein Kreis jetzt wieder schliesst. Ich bin jetzt 45. Ich glaube, dass dies die letzte Stufe in meinem Beruf sein wird. Er passt zu mir. Das sagen mir auch Leute, die mich kennen. Ich kann auch mal eine halbe Stunde nichts sagen und das ergibt dann eine ruhige, entspannte Stimmung und den Leuten geht es gut.