Eigentlich gab es nach meiner Pensionierung zwei sehr unterschiedliche Phasen des Austritts aus dem Berufsleben. Meine berufliche Karriere war stets von einer Lust etwas Neues zu erschaffen, auf die Beine stellen angetrieben, vom Abenteuer. Jetzt weiss ich nicht, ob ich von dem Abschied nehmen muss oder soll.

Ich komme aus einem gemischten Haushalt. Mein Vater war Handwerker und politisch engagierter Gewerkschaftssekretär; mütterlicherseits waren seit Generationen alle Pädagogen. Politik, Schule und Erziehung hatten einen hohen Stellenwert in der Familie. Staatsphilosophen der Aufklärung (etwa Condorçet) postulierten ja neben den bekannten drei Gewalten – Legislative, Exekutive, Judikative – eine weitere nicht weniger bedeutende unabhängige vierte Gewalt, die Edukative.

Dennoch war mir nach der Matura und dem Studium als Gymnasiallehrer mit Germanistik und Geschichte rasch klar: Ein Dasein ausschliesslich als Lehrer, kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe dann zwar immer auch unterrichtet, vorwiegend in der Lehrerbildung, aber durch einen Glücksfall kam ich anfangs Siebzigerjahre in die damals neue Bildungs- und Schulentwicklungsforschung.

Und dann begann eine berufliche Laufbahn, die mir im Rückblick immer noch als etwas unwirklicher, eigentlich „unmöglicher“ Mix aus einem halben Dutzend Berufen und mehreren Leben erscheint. Ich habe nach der Uni ein Schulentwicklungsinstitut für die Zentralschweizer Kantone aufgebaut, nebenher die grösste Schulleiterausbildung der Schweiz auf die Beine gestellt, war in der Politikberatung aktiv und in der Unterstützung von Schulen in schwierigen Situationen, wurde dann Chefredaktor der Lehrerzeitung und Mitbegründer des Schweizerischen Dachverbandes der Lehrpersonen (LCH). Daneben engagierte ich mich im Militär, in der lokalen Politik und Kulturförderung (u.a. Schulpflegepräsident) sowie im Stiftungsausschuss der Pro Juventute. Forschungsmässig lagen meine Schwerpunkte bei der Schul- und Teamentwicklung und bei Führungsfragen. In Führungsgremien von grossen Verbänden habe ich Millionenbudgets mitverantwortet und grosse Teams geführt. Dazu gehörten logischerweise auch viele „Bühnenauftritte“ in den Medien, in Radio- und Fernsehsendungen, in Vorträgen teils mit mehreren Tausend Zuhörerinnen, wurde auch in Deutschland und Österreich und in der Westschweiz „herumgereicht“.

Nach der Pensionierung steigerte ich die 20% freiberufliche Tätigkeit auf 200%. Ich war als «Einzelmaske» in Erziehungs- und Organisationsentwicklungsfragen im Bildungsbereich unterwegs. Ich war gefragt wie verrückt. Die Phase als Freiberufler empfand ich als Kür, als eine Befreiung von den Pflichten im Angestelltendasein. Was ich zu erzählen hatte, machte Sinn, ich fühlte mich kompetent, ich hatte eine Bühne für etwas, was mir sehr am Herzen lag.

Ich unterschätzte dabei, dass damit die Einbettung in ein Team wegfiel. Dies obschon mir das Salutogenese-Konzept von Aaron Antonovsky und anderen sehr vertraut war. Das Konzept besagt, dass ein Mensch, um gesund zu sein, in dem was er tut, verschiedene Faktoren gut ausgeprägt und in Einklang leben sollte: Sinn im Tun empfinden, gut verstehen, was vor sich geht, sich als kompetent bzw. selbstwirksam erfahren und Zugehörigkeit (z.B. im Team) erleben.

Ich habe mich in meinem vielfältigen und hoch engagierten Tun sehr wohl gefühlt – und mich unmerklich überfordert. In meinen Kursen über Burnout-Prophylaxe habe ich selbstverständlich alles erzählt, woran ich mich dann selbst nicht gehalten hatte. Heute kann ich darüber schmunzeln. Es kam unweigerlich der grosse «Chlapf». Ich machte einen Aortariss. Nur 5% aller Betroffenen sterben nicht daran. Bei mir standen sämtliche Zeichen auf Überleben. Nein, in meiner Nahtoderfahrung empfand ich keinerlei Angst, das Ablaufen des eigenen Lebens als Film fand genauso wenig statt wie das vielbeschworene helle Licht. Alles fühlte sich leicht an. Die ständige Wachhalte-Fragerei der Notfallhelfer in Ambulanz und Helikopter nervten mich. Ich wäre gerne einfach hinübergeschlummert. Stattdessen stand nun eine umfangreiche Reha an.

Die vom Spezialisten vorausgesagte Depression nach der OP am offenen Herzen schlug bei mir mit voller Wucht ein. Nach der kardiologischen folgte eine mehrwöchige psychosomatische Reha. Und die erwies sich als Glücksfall für den Wiedereintritt ins Leben. Insbesondere die ergotherapeutischen Angebote ermöglichten mir tiefgreifende Auseinandersetzungen mit mir selbst und eine Neuorientierung bezüglich „Was mir wertvoll ist“. Besonders intensiv eingefahren sind mir die Tonfeldtherapie, die zunächst sperrige und dann dialogische Arbeit am Speckstein, die Mal- und die Musiktherapie sowie das Zen-Bogenschiessen. Dabei bekamen alte starke Interessen, die ich Jahrzehnte lang wegen des Berufs brach liegen liess, wieder hohen Wert und praktische Umsetzung. Ich musiziere wieder viel, ich praktiziere als tägliche Meditation das Zen-Bogenschiessen, ich habe mir im Mitspielen beim Landesstreik-Theater einen alten Traum verwirklicht, ich werke viel in meiner Werkstatt und setze mich – auch als Selbsterfahrung – mit verschiedenen Materialien auseinander. Bei alledem muss ich die Zeit im Beruf weder verdrängen noch bedauern, vielmehr kann ich ihr einen guten Platz in meiner Geschichte geben.

Meine Frau und ich waren eigentlich immer vom Streben nach Tüchtigkeit angetrieben. Gut zu sehen, dass unsere Söhne das ganz anders machen. Die wollen keinen „ausfüllenden“ Job, bei dem keine Zeit für anderes bleibt. Sie pflegen ihre breiten Neigungen und geben ihnen Raum. Natürlich sehen wir Eltern sämtliche möglichen Stolpersteine. Aber irgendwie machen sie es gut.